Wer kennt sie nicht, die Freunde, die man bei Facebook und Co. kaum erkennt, weil sie Vor- und Nachnamen in Rückwärtsschrift schreiben, sich Namen wie „Frau Elpunkt“ oder „Herr Wieduwillst“ geben? Wenn es nach Bundesinnenminister Friedrich ginge, müssten viele Onliner auf ihre zum Teil originellen Decknamen verzichten. Er fordert ein Ende der Anonymität im Internet. Sicherlich: Der Minister bezog sich damit – vor dem Hintergrund der Anschläge in Norwegen – vor allem auf anonyme Blogger, die im Netz unter Pseudonym radikale und undifferenzierte Inhalte verbreiten. Mittlerweile hat Friedrich seine Aussagen auch relativiert. Dennoch: Die Forderungen des CSU-Politikers haben eine kontroverse Debatte in der Netzgemeinschaft ausgelöst. Sollten wegen einer Minderheit von Kriminellen im Netz alle Personen, die mit einem Decknamen durch die Onlie-Welt gehen, unter Generalverdacht gestellt werden? Befeuert wird die aktuelle Anonymitätsdebatte auch von Google, das die Accounts von Nutzern seines Netzwerks Google+ mit falschen Namen zuletzt gelöscht hatte. Echte Identität oder Nickname? Was spricht dafür, was dagegen?

Warum eigentlich Nicknames?

Sicher ist nicht jeder, der der Online-Welt seinen wahren Namen vorenthält, ein „radikalisierter Einzeltäter“. Wie der US-amerikanische Blogger Kirrily “Skud” Robert in einer Umfrage herausgefunden hat, stehen wohl bei den meisten anonymen Nutzern ganz friedliche Gründe hinter der Entscheidung, sich im Netz einen Decknamen zu geben. Darunter etwa „Ich bin Lehrer an einer Highschool, Privatsphäre ist für mich äußerst wichtig“, „Diese Identität habe ich genutzt, um meine richtige Identität zu schützen. Ich bin schwul und meine Familie lebt in einem kleinen Dorf, wenn das dort bekannt wäre, würden sie Probleme bekommen“ oder „Ich nutze ein Pseudonym, um sicherer zu sein. Als Frau bin ich auf der Hut vor Internetbelästigungen“. Noch einleuchtender erscheinen die Anonymisierungsmotive solcher Internetnutzer, die bereits einmal schlechte Erfahrungen mit der Preisgabe ihrer wahren Identität gemacht haben. So zitiert Kirrily “Skud” Robert Befragte mit Statements wie „Ich nutze diesen Nickname seit etwa sieben Jahren, weil ich Opfer von Stalking war“ oder „Wir bekommen Morddrohungen über das Blog“ (Quelle).

Es sind also Ängste, ein Opfer von Kriminalität zu werden, als Angehöriger einer gesellschaftlich marginalisierten Minderheit diskriminiert zu werden oder private Details in zu enge Verbindung mit der beruflichen Sphäre zu bringen. Sicher geben sich viele auch aus reinen Datenschutzgründen Decknamen im Web, ganz der Argumentation folgend: „Sollte Facebook meine Daten verkaufen, dann zumindest so, dass sie nahezu wertlos für Dritte sind“.

Was spricht gegen die Anonymität?

Wenn die Online-Welt also so ein schlechter Ort ist, warum gibt es dann überhaupt noch Menschen, deren Twitter-Account mit dem Namen in ihrem Personalausweis übereinstimmt? Gegen die Anonymität entscheiden sich der Logik von Kirrily “Skud” Robert folgend demnach Menschen, die im Netz nicht viel zu befürchten haben. Personen, die keine Angst davor haben, dass ihnen der private Blog einmal beruflich zum Verhängnis wird und die wohl in den meisten Fällen auch noch keine schlimmen Erfahrungen mit ihren Klarnamen im Netz gemacht haben. Es sind Personen, die im Netz wohl dosiert mit ihren privaten Daten umgehen und deshalb auch im Falle von Datenklau und Hackerangriffen nicht viel zu befürchten hätten. Es sind aber sicher auch Personen, die das Internet bewusst nutzen, um ein bestimmtes Image von sich zu forcieren oder die in Social Networks gern auch beispielsweise von alten Freunden gefunden werden wollen.

Fazit: Individuelle Entscheidungen statt Verbote

Insgesamt gibt es gute und nachvollziehbare Gründe auf beiden Seiten. Sie liefern Argumente für Pseudonoym- als auch für Klarnamenverfechter. Die Entscheidung, seine Online-Identität von der wahren zu trennen oder nicht, ist daher eine ganz individuelle, abhängig von persönlichen Einstellungen, Erfahrungen und Situationen. Zu welcher der beiden Gruppen man sich zählt, muss am Ende jeder Internetnutzer selbst entscheiden – und auch selbst entscheiden können. Reglementierungen wie ein striktes Decknamenverbot gehören einfach nicht in eine freiheitliche Gesellschaft des 21. Jahrhunderts.

Wie denken Sie über die Forderungen nach Klarnamen im Internet? Besitzen Sie ein Pseudonym im Netz? Und wenn ja: Wann und aus welchen Gründen verwenden Sie es?

Ich freue mich auf Ihre Kommentare.

Beste Grüße

Franziska Bravo Roger

Quellen:

Spiegel-Online-Artikel

Blogartikel von Kirrily “Skud” Robert

WELT-Online-Artikel

Die leidige Frage: Echte Identität oder Decknamen im Netz?

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