Als ich nach einigen Irrwegen mit meiner Ausbildung zum Mediengestalter für Digital- und Printmedien in der Fachrichtung Design begann, stand ich vor der Wahl. Entweder ich bestaune die ganze Zeit die Besten der Besten und sage mir ständig: „Diese Koryphäen haben ihr Talent einfach in die Wiege gelegt bekommen“, oder ich beiße die Zähne zusammen und lasse diesen Spruch wie eine Lüge aussehen.
Auch wenn es immer wieder Tage gibt, an denen ich an meinen eigenen Kenntnissen und Fähigkeiten zweifele, so habe ich mich bis heute für Letzteres entschieden. Und gerade der Zweifel lässt doch immer wieder Raum für neue Erfahrungen oder den Willen noch besser zu werden.
Die Gute Nachricht: Der Trend, dass Talent als Zugangsvoraussetzung für den Job eines Designers gilt, ist rückläufig. Wenn wir heute außergewöhnliche Künstler beobachten, neigen wir dazu, sie zu glorifizieren und ihre harte, oft jahrelange Arbeit damit abzutun, dass sie „nun mal einfach talentiert“ sind. Oder schlimmer noch, dass sie einfach Glück hatten. Versteht mich nicht falsch: Beides spielt eine Rolle. Dennoch soll dieser Beitrag dazu dienen, die Gewichtung klarzustellen.
Es gibt keinen Designer (und wenn doch, lügt er) der nicht gerne hört wie talentiert er ist. Für viele ist dieses Kompliment ein Tarnmantel dafür, dass sie in Wahrheit denken: „Das könntest du auch, wenn du nur hart genug dafür arbeiten würdest.“ Und doch wagt das niemand auszusprechen. Die Angst vor der Konkurrenz ist einfach zu groß. Zudem klingt dieses Wort ein wenig nach „Magie“, nach „Superkraft“ und „Übermenschlichkeit“. Wer wäre nicht gern mit einer Fähigkeit gesegnet, die sonst niemand besitzt? Einen zweiten Van Gogh gibt es ja auch nicht, oder?

Doch. Gibt es. Und nicht nur einen – sie sind bloß entweder nicht bekannt, oder nur eine Entscheidung davon entfernt, einer zu werden.
Längst leben wir in einer Welt, die dies beweist und untermauert. Castingshows bei denen abertausenden von Sängern der Laufpass noch vor dem ersten Recall gegeben wird, die keine 10 Jahre zuvor „Superstar“ geworden wären – hätte man sie denn entdeckt.
Warum diese nicht entdeckt wurden, ist jedoch ein anderes Thema.
Ebenso gibt es mittlerweile zu nahezu jedem fachlichen Gebiet professionelle Tutorials, Workshops und How-To’s. Sei es nun Photoshop, der eigene Garten oder wie man ein 5 Gänge Gourmet Menü zaubert. Alles scheint erlernbar und ist es auch. Das Einzige was einen davon abhält, ist die schier überwältigende Fülle an Angeboten und letztendlich: man selbst.
So ist in den letzten Jahren das Angebot an E-Learning, vor allem im Bereich Video, geradezu explodiert. Wer mehr dazu wissen möchte und wie sich das Thema Weiterbildung innerhalb eines Jahrzehnts entwickelt hat, der kann sich gern bei einem Ableger des statistischen Bundesamts umsehen.

Das Lerntempo sowie der frei wählbare Zeitpunkt scheinen für viele essentiell wichtig zu sein. So muss ich mich bei einem gut gemachten Tutorial über eine spezielle Photoshoptechnik um lästige Dinge wie Pünktlichkeit und schlechte Lehrer nicht weiter kümmern.
Denn ich kann ebenso gut das Video auf meinem iPod-Touch unterwegs in der Bahn oder genüsslich am Wochenende in einer ruhigen Minute anschauen.
Ich behaupte Ja und von dem Wort alleine sollte man sich in keinem Fall abschrecken lassen, sondern lieber das tun, was einem Spaß macht. Das Lernen geht dann übrigens auch wie von selbst.
Viel interessanter ist das man heute sagt, es braucht 10.000 Stunden um ein Meister in dem zu werden, was man tun möchte. Dies wurde festgestellt, indem man die Karriere von so genannten „Überfliegern“, sprich außergewöhnlich erfolgreichen Menschen, nach wissenschaftlichen Methoden untersucht hat. Sehr zu empfehlen, ist zu diesem Thema auch das Buch von Malcolm Gladwell.
Schauen sie sich die Besten der Besten ruhig weiter an – aber verschwenden sie keine Zeit mit der Frage, ob einem selbst etwas fehlt, um ein ähnliches Ziel erreichen zu können, sondern konzentrieren sie sich auf das „Wie erreiche ich das ebenfalls?“.
Denn Talent ist jedem einzelnen von uns soviel in die Wiege gelegt worden, wie er es selbst für sich zulässt.
Viele Grüße,
Ihr Jens Bayer, Art Director
Sie haben eine vollkommen andere Meinung, oder noch einen anderen Aspekt zu diesem Thema? Oder sehen Sie das ganz genau so? Dann lassen Sie es mich bitte in den Kommentaren wissen.